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60 Jahre Diktatur - gute Zeiten, schlechte Zeiten?

15 September 2008 432 x gelesen No CommentDrucken Drucken eMail zum Artikel eMail zum Artikel

Im Zuge heftiger innenpolitischer Auseinandersetzungen in Paraguay putschte sich am 6. Mai 1954 das Militär an die Macht. Als Oberbefehlshaber der Armee stellte sich Alfredo Stroessner am 11. Juli 1954 als einziger Kandidat der Präsidentenwahl. Das Amt behielt er über acht Amtszeiten bis 1989. Der Sohn eines deutschen Einwanderers aus dem bayerischen Hof regierte autoritär mit harter Hand scheinbar auf Basis der Verfassung. Seine Colorado-Partei besetzte alle wichtigen Positionen im Staat, das Militär behauptete die Macht für den General ganze 35 Jahre lang – die längste Amtszeit eines lateinamerikanischen Diktators überhaupt – aber die Streitkräfte beendeten sie auch, mit einem Putsch 1989 durch seinen Schwiegersohn General Rodriguez der anschließend – zumindest für kurze Zeit – dann auch Präsident Paraguays war. Das Haus, welches General Rodriguez sich hat während seiner Amtszeit hatte bauen lassen, ist heute noch eines der eindrucksvollsten Bauten Asuncións. Selbst die Angestellten wohnen in einer Art „Palastgebäude“. Noch heute lebt hier (Nuestra Señora del Carmen y Melvon Jones y Santa Rafael) die Witwe des Generals, die Tochter von Alfredo Stroessner.

Doch die Helfer des Diktators blieben auch nach dem Sturz, bis 2008, und damit für mehr als 61 Jahre, an der Macht. Die Partei ist heute eins mit dem Staat, Vetternwirtschaft und Korruption gängeln die Bevölkerung. Nach offiziellen Angaben „verschwanden” unter Stroessners Herrschaft etwa 400 Menschen. Unabhängige Schätzungen jedoch gehen von mehr als 3.000 Todesopfern aus. Viele Oppositionelle wurden gefoltert oder inhaftiert, etwa zwei Millionen gingen ins Exil. Stroessner selbst wurde zwar angeklagt, verstarb aber in seinem brasilianischen Exil in Freiheit. Bis heute haben die Paraguayer dieses dunkle Kapitel ihrer Geschichte kaum verarbeitet, obwohl sich in ihren Händen einer der bedeutendsten Schätze für die jüngere Geschichte des Kontinents befindet, die so genannten „Terrorarchive“. Im Jahr 1992 entdeckt dokumentieren sie Menschenrechtsverletzungen, Folter, Entführung und Mord an tausenden Südamerikanern während der „Operation Condor“, einen Bund verschiedener Geheimdienste zur Verfolgung von Oppositionellen. Die Entdeckung dieser Archive nötigte die USA zur Preisgabe vertraulicher Geheimdienstdokumente und belastete den CIA wie auch europäische Geheimdienste schwer. Weiter führten sie zur Verhaftung und Verurteilung des chilenischen Ex-Generals Pinochet in Europa.

Bis heute werden in weiten Kreisen des Landes die „guten Seiten“ des Diktators betont. Er habe für Sicherheit gesorgt und die Wirtschaft angekurbelt. So entstand eines der größten aber auch umstrittensten Projekte unter Stroessners Herrschaft, der Bau des Itaipú-Staudammes, des momentan noch zweitgrößten Wasserkraftwerks der Welt. Durch den Verkauf des erzeugten Stroms ins Ausland kamen wichtige Devisen ins Land. Bis heute ist der Vertrag des paraguayisch-brasilianischen Projektes jedoch höchst umstritten. Stroessner habe sich von den Brasilianern über den Tisch ziehen lassen und Paraguay würde dem Nachbar noch heute den Strom viel zu billig verkaufen. Eine Emanzipation von der Diktatur scheint noch nicht vollbracht zu sein, ihre Spuren finden sich bis heute im ganzen Land.

So fiel Stroessners eigens errichtete Figur auf dem Cerro Lambaré, dem Nationalmonument bei Asunción. Doch stehen die Reste der 1989 abgerissene Statue noch heute in der Nähe des Präsidentenpalastes – als Symbol für die Befreiung jahrelanger Unterdrückung durch die Diktatur. Das zerstörte Bild Stroessners symbolisiert „die Diktatur“, die Stahlträger „die Ketten der Diktatur“ und der obere Steinklotz „das Volk, dass sich nie wieder von einer Diktatur unterdrücken lässt“. In vielen Ecken des Landes finden sich noch Tafeln, die dem General huldigen. In einem der einstigen Folterkeller Paraguays findet sich heute das „Museo de las Memorias“, dass einen beklemmenden Einblick in diese dunkle Ecke der paraguayischen Vergangenheit gibt.

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