Ende des 16. Jahrhunderts – die Jesuiten kommen ins Land
Anfang des 16. Jahrhunderts setzten mehr und mehr europäische Schiffe an der Atlantikküste Südamerikas ihre Anker und begannen, das fruchtbare Land zu besiedeln. Über den RÃo Paraná und den RÃo Paraguay stießen sie tief bis ins Landesinnere vor. Andere kamen aus dem Norden und folgten dem Lauf der Flüsse auf diesem Weg ins Land der GuaranÃ. Hunderttausende Indianer lebten zu dieser Zeit im heutigen Paraguay, Brasilien und Argentinien. Die Indianer kannten weder Eisenverarbeitung noch Salz und lebten als Halbnomaden von den immer grünen Bäumen. Viele haben nicht einmal Viehzucht oder Ackerbau betrieben. Rund 6.000 Jahre alt muss ihre Kultur zu diesem Zeitpunkt gewesen sein. Das bezeugen Höhlen mit Inschriften und Felsmalereien in den Bergen von Ybytyruzú und Amambay. Einige dieser Inschriften werden heute als Wikinger-Runen gedeutet, für viele Forscher der Beweis, dass Christoph Kolumbus nicht als erster Europäer einen Fuß auf den südamerikanischen Kontinent gesetzt hat.
Doch der Kontakt mit den Spaniern und Portugiesen bedeutete zunächst nicht einen Quantensprung in der Entwicklung der indigenen Kultur, eher einen Rückschritt. Denn die Konquistadoren waren vornehmlich an Sklaven und Gold interessiert. Systematisch wurden dafür die Indianer, die meist wehrlos in losen Familiengemeinschaften verstreut im Land lebten, gefangen genommen und versklavt. Erst die Jesuiten, die mit den Eroberern ins Land kamen, nahmen sich der Ureinwohner an. Sie drangen in entlegene Gebiete vor und missionierten die GuaranÃ. Kein leichtes, und sicher kein ungefährliches Unterfangen. Doch nach und nach gewannen die Missionare das Vertrauen der indianischen Urbevölkerung. Zum Schutz vor den Sklavenhändlern bauten sie befestigte Dörfer, in denen sie sich zu organisieren begannen, die so genannten Reduktionen. 36 davon entstanden im Laufe der Jahre im heutigen Dreiländereck. Jeweils 4.000 bis 10.000 Indianer lebten in den Reduktionen mit zwei bis drei Jesuiten-Padres in fast kommunistischer Lebensweise zusammen. Im Laufe der Jahre entwickelten die Indianer ein ausgesprochen ausgefeiltes kunsthandwerkliches Geschick. Wie sich herausstellte, waren sie talentierte Steinmetze, Holzschnitzer und Schmiede, wie einige Ruinen noch heute eindrucksvoll belegen. Die Indios beherrschten zudem die Kunst der Ziegelbrennerei, Glockengießerei, Weberei, Lederverarbeitung und stellten sogar Silberarbeiten her. Der Sprung innerhalb kürzester Zeit vom Steinzeitalter ins Zeitalter des Barocks ist und bleibt bemerkenswert. Die Indianer bauten zudem einzigartige Instrumente die in die ganze Welt exportiert wurden und erzeugten für viele beeindruckende Musik.Geige und Harfe sind bis heute die zentralen Instrument paraguayischer Folklore.
Doch wurden der spanischen und der portugiesischen Krone die Reduktionen zu mächtig. Über 200.000 Menschen waren Anfang des 18. Jahrhunderts im „Jesuitenstaat“ organisiert, der auch wirtschaftlich zu einem wichtigen Faktor wurde. Gleichzeitig kam der Papst in Europa unter Druck, weswegen die katholische Kirche die Jesuiten nicht weiter schützte und den Orden später sogar verbat. 1768 wurden die letzten Jesuiten mit Gewalt zurück auf den alten Kontinent gebracht. Entgegen aller Vermutungen und Spekulationen fand man nach der Zerschlagung des Jesuiten-Ordens in den Reduktionen jedoch keine nennenswerten Geldbeträge oder Reichtümer. In Trinidad del Paraná zum Beispiel vermuteten die Eroberer verstecktes Gold in den Köpfen der Steinfiguren. Deswegen fehlen diese heute auf vielen Statuen. Soviel war erweisen: Der Wohlstand der Reduktionen beruhte demnach einfach auf Arbeit, Organisation und Tauschhandel. Nach Zerschlagung des Ordens wurden viele Jesuiten-Reduktionen franziskanischen Verwaltern anvertraut. Die GuaranÃ-Indianer wurden wieder versklavt oder flüchteten sich in die Wälder, die Reduktionen verfielen.
Im südöstlichen Paraguay erinnern heute noch zwei Ruinen an die einst glorreiche Zeit der Jesuiten in Alto Paraná: die ehemaligen Reduktionen von Trinidad del Paraná und Jesús de Tabarangué. Sie sind heute UNESCO-Weltkulturerbe und bieten einen einzigartigen Einblick in die Zeit der Besiedelung und Missionierung Lateinamerikas durch die Europäer. Still erinnern sie daran, wie einst zwei Kulturen aufeinander trafen, und die eine die andere verdrängte. Das Aufeinandertreffen der beiden Kulturen ist noch heute prägend für das Land. Weil viele Guaranà in die Städte flohen und auch die Eroberer angehalten wurden, sich mit den Indianern zu verbinden, verschwand die Kultur zunächst von der Bildfläche. Weil es jedoch meist indianische Frauen waren, die sich mit europäischen Männern verbanden, lebte die Sprache der Guaranà fort. Nicht umsonst existiert auch im Deutschen der Begriff „Muttersprache“. So ist Paraguay heute das einzige Land Südamerikas, in dem die indigene Sprache als zweite offizielle Amtssprache gilt. Auch wegen der schlechten Erfahrungen wurde hierzulande die Sklaverei noch vor vielen europäischen Ländern verboten. Trotzdem leiden Indianer bis heute unter staatlicher und privater Diskriminierung. Die meisten indigenen Menschen sind noch heute bettelarm und haben kaum Zugang zu Trinkwasser oder Land. Und das, obwohl unter ihrem ehemaligen Stammesgebiet der größte Süßwasserspeicher der Erde liegt – der GuaranÃ-Aquifer. Heute ist der riesige unterirdische See jedoch im Besitz internationaler Firmen.













