Pombero - lasziver Sonnengott mit Kultcharakter
Von Rafaela Rahmig
Haarig, klein, nackt und rachsüchtig. Ein Kobold mit Prinzipien. „Zum Fürchten“ finden ihn die Einen, witzig und chic die Anderen. Das hat ihn zu einem Markenlabel für Kleidung gemacht. Die Rede ist vom Pombero, der wohl bekanntesten guaranischen Fabelgestalt. Auf Guaranà auch „Kuarahy jará“ genannt, was soviel wie „Herr der Sonne“ heißt, ist er ein kleiner, robuster, behaarter Gnom mit so langen Armen, dass seine überdimensional großen Hände auf dem Boden schleifen. Anderes Körpermerkmal sind seine kurzen Beine mit Füßen, die nach hinten gerichtet sind. Ein Defekt, der sehr nützlich sein kann. Befindet sich der Pombero mal wieder auf der Flucht, führen seine Fußspuren die Verfolger grundsätzlich in die entgegengesetzte Richtung. Die Tatsache, dass der Sonnengott weder an den Knien noch an den Ellenbogen Gelenke hat, macht ihn auch zu einem sehr ungeschickten und seltsamen Wesen, das schon aufgrund seiner Gangart auffällt. Der definitive Blickfang aber ist sein imposantes männliches Glied. Da er den Legenden nach ausschließlich mit einem Strohhut bekleidet ist, ist es nicht zu übersehen. Selbst der lange bis zum Boden wachsende Bart vermag dieses Körperteil kaum zu verdecken. Bekannt ist er für seinen hohen Tabakkonsum, den er mal kaut und mal raucht. Seine sonstige Ernährung besteht fast ausschließlich aus Honig.
Ob man auf einen freundschaftlichen oder auf einen bösartigen Pombero trifft, hängt immer vom eigenen Auftreten ab. Als Schützer der wilden Tiere und des Urwaldes kann ein unbedachter Jäger schnell seinen Zorn auf sich ziehen: Schießt er mehr Tiere, als er selber jemals essen kann, sieht es der Kobold als seine Aufgabe, diesen gierigen Menschen zu bestrafen. Das gleiche gilt für einen Fischer, der mehr als nötig aus dem Fluss holt. Besonders ärgert es den Pombero jedoch, wenn sein geliebter Wald abgeholzt wird. Sollte man bei ihm in Ungnade gefallen sein, verwandelt er sich in ein Tier oder eine Pflanze und erschreckt die Umweltsünder so sehr, dass sie meist in den gefährlichsten Teil des Urwaldes fliehen und nie mehr zurück finden. So zucken an Sagengestalten glaubende Menschen oft schon beim Anblick eines harmlosen Vogels zusammen. Zu einer besonderen Bedrohung wird der kleine laszive Schwerenöter jedoch für manche Frauen. Vor allem über diejenigen, die ihren Mann öffentlich als unzureichend bezeichnen, fällt er her, um ihnen Demut beizubringen. Auch alleinstehende, ungetaufte Frauen, die den haarigen Kobold nicht sofort mit Honig und Tabak besänftigen, müssen neun Monate später mit den Konsequenzen leben. Ein einziges Handauflegen auf den Frauenleib reicht, um die Heimgesuchte zu schwängern. So bilden diese harmlosen, etwas unglaubhaften Geschichten eine willkommene Erklärung innerhalb der Guaranikultur für außereheliche Geburten. Ob dadurch jedoch eine uneheliche Schwängerung, die von der paraguayischen Gesellschaft meist stark verurteilt wird, akzeptiert wird, bleibt fraglich.
Daher empfiehlt es sich grundsätzlich für alle auf dem Land lebenden Menschen, sich mit dem Pombero durch die eine oder andere milde Gabe in Form von Tabak oder Honig gut zu stellen. Dafür gibt es ein paar einfache Regeln. 30 Tage lang gilt es, die geliebten Suchtmittel des Koboldes vor die Tür zu stellen. Nur so lassen sich sonderbare Unfälle sowie geisterhafte Erscheinungen wie sich selbst schließende Türen oder ohne Grund zu Boden fallende Kochwerkzeuge vermeiden. Wer auf seine Freundschaft keinen Wert legt, der hört auch oft nachts Schritte und Stimmen rund um das Haus herum, ohne jemals jemanden erkennen zu können. Hat jedoch jemand das Glück, den Pombero als seinen Freund bezeichnen zu können, kommt er in den Genuss vieler Vorteile. Etwa bei der Jagd. Hier erweist er sich als unsichtbarer Führer als sehr hilfreich, leitet seine Menschenfreunde zur größten und dicksten Beute, lässt die besten Fische anbeißen oder zeigt den Weg zu den süßesten Früchten im Wald. Doch Obacht ist immer geboten. So sollte man beispielsweise niemals den Namen des Koboldes laut im Haus aussprechen. Wer weiß schon, zu was er alles fähig ist, wenn er in Rage gerät.
Über den Ursprung dieser Figur gehen die Meinungen auseinander. Möglicherweise stammt der Name und die ersten Geschichten des Pombero aus Südbrasilien. Dort nennen sie ihn „Pombeiro“, was soviel wie „der Beobachtende“ bedeutet. In Chile kennt man ihn unter „Peukén“, den Frauenjäger, wo er übrigens auch aus der Mythologie der Eingeborenen, den „Araucanos“, entspringt. Der Pombero gilt in einigen Legenden auch als Behüter der verlorenen Sachen. Folgende Formel soll helfen, den verlorenen Gegenstand, für den das „X“ steht, aufzuspüren: „Kleiner Pombero, kleiner Pombero, wenn du mir hilfst X zu finden, dann gebe ich dir Tabak“. Doch wehe dem, der dieses Versprechen nicht einhält. Er wird spüren, was es heißt, seinen Zorn auf sich zu ziehen.













